Magie auf der Bühne, Massen in der Stadt: Advent in London

Vor vielen Jahren rief mich die Mutter eines Studienfreunds an und fragte, ob ich sie ins Vienna English Theatre begleiten möchte. Sie hätte ein Abo, ihr Mann sei verhindert. Freudig sagte ich zu, vergaß jedoch zu fragen, welches Stück gespielt wurde. Doch bevor ich wieder zum Telefon griff, um nachzufragen, wurde mir bewusst: Es ist Advent – was sonst außer A Christmas Carol sollte dieses Theater zu dieser Zeit aufführen? Ich erkundigte mich nicht, sah auf kein Abendplakat, las kein Programm. Ich war absolut davon überzeugt A Christmas Carol zu sehen. Niemand kann sich meinen Gesichtsausdruck vorstellen, als sich der Vorhang hob und eine Vorstellung von Ein Sommernachtstraum begann. Die Aufführung war sehr gut, doch wie sollte mich eine Waldidylle zwischen Johannisnacht und Sonnwendfeier auf Wichtel, Schneezauber, Glühwein und Kekse einstimmen?

Anlässlich unserer traditionellen Adventreise traf ich dieses Jahr erneut auf Werk von Mr. Shakespeare. Nein, nicht Ein Wintermärchen – das hätte ja thematisch gepasst. Das stimmungsvolle Stück, das meine weihnachtliche Vorfreude wecken sollte, war: Macbeth! Immerhin, Titus Andronicus wäre noch schlimmer gewesen.

Nach Hamburg, Paris und Basel ging es diesen Dezember also nach London – eine Idee, auf die außer mir noch Millionen anderer Menschen gekommen waren. Zumindest fühlte es sich so an, als wir um die Mittagszeit am Piccadilly Circus ankamen. Menschenmassen trafen auf weitere Menschenmassen. In Covent Garden war die U-Bahnstation wegen Überfüllung bereits geschlossen. Zum Glück hatten wir einen Afternoon Tea im Royal Theatre Drury Lane gebucht und entkamen dem Trubel. Für einen Theaterwissenschaftler ist jedes Theater ein magischer Ort, doch dieses ist in vielerlei Hinsicht besonders: Es ist einer der am längsten durchgehend bespielten Theaterplätze Londons, es beherbergt die meisten Geister, und seit Charles II. wurde es von jedem englischen Monarchen besucht. Der Nachmittagstee dort war eine rundum Wohlfühlerfahrung: exzellenter Service, stilvolles Ambiente mit hauseigenem Porzellan, köstliches Essen und guter Tee – umgeben von Theatergeschichte. Viel schöner konnte es nicht werden, dachte ich. Doch der Abend sollte mich eines Besseren belehren.

Allein im Londoner West End gibt es rund 40 Theater, doch ich lande immer wieder im Harold Pinter Theatre. Diesmal entdeckte ich jedoch etwas Neues: die sogenannte Ambassador Lounge. Den Zugang hatte unwissentlich mit meiner Theaterkarte erworben. Zu meiner Entschuldigung muss ich die hektischen Umstände des Kartenkaufs anführen. Kaum war der Online-Verkauf gestartet, hatte ich Platz 8.317 in der Warteschlange. Als ich endlich an der Reihe war, blieb mir nur ein winziges Zeitfenster, um Sitzplätze zu wählen. Nebenbei versuchte ich mit einem zweiten Account, Tickets für einen weiteren Termin zu ergattern. Zusatzpakete fielen mir erst auf, nachdem ich glücklich meine Karten ausgedruckt hatte.

Ungefähr eine Stunde vor Vorstellungsbeginn wurde ich in einem von den "normalen" Besuchern abgetrennten Bereich zu meinem reservierten Platz geleitet. Mit Gleichgesinnten genoss ich Käse, Cracker, Eis – und nicht gerade wenig Champagner. Ich kam mir sehr verwöhnt vor. Die beiden größten Vorteile waren jedoch eine eigene Toilette für die Loungebesucher und die Möglichkeit, die Garderobe abzugeben. Das wäre zwei Abende später hilfreich gewesen, als ich ein weniger exklusives Zusatzpaket erworben hatte: Mit meiner Eintrittskarte bekam ich an der Bar eine Flasche Champagner, ein Glas, einen Eiscremebecher und ein Programmheft – all das balancierend, schaffte ich es gerade noch zu meinem Platz, wo ich neben all diesen Dingen auch mich und meine Winterjacke unterbringen musste.

Nun sollte ich wohl berichten, wie die Aufführung von Macbeth in der Regie von Max Webster mit David Tennant und Cush Jumbo war. Doch mir fehlen nach wie vor die Worte. "Atemberaubend" oder "überwältigend" beschreiben nicht annähernd diese perfekte Symbiose aus Schauspiel- und Regiekunst.

So begeistert ich von meiner Abendgestaltung war, so ernüchternd war das vorweihnachtliche London. Der Weihnachtsschmuck war zwar üppig, aber meist eher abschreckend – insbesondere die Beleuchtung rund um Piccadilly.

Selbst das exklusive Kaufhaus Fortnum & Mason war mit seiner berühmten Weihnachtsabteilung eine Enttäuschung. Originell war immerhin die Fassade, die als großer Adventskalender gestaltet war. Viel lustiger war es hingegen bei Hamley’s, dem ältesten Spielzeugladen der Welt. Unabhängig vom Alter wird man dort wieder zum Kind. Abends war es ohnehin unmöglich, über einen Weihnachtsmarkt zu schlendern, ohne von den Massen erdrückt zu werden. Doch auch tagsüber war die Stimmung nur bedingt festlich.

Eine Ausnahme bildete Covent Garden: Dort war der Weihnachtsschmuck so gigantisch, dass er schon wieder gelungen wirkte. Aber ganz offengesagt: Wenn David Tennant nicht gerade Theater spielt, muss man im Advent nicht unbedingt nach London reisen.

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